Dienstag, 8. Juli 2014

"Mischehen" zwischen Katholiken und Protestanten im Altkreis Halle: Wenn die Kirche sich einmischte

Der Altkreis Halle (mit Halle, Werther, Versmold, Borgholzhausen und Steinhagen) war nicht gerade eine katholische Hochburg. Im Gegenteil - im Grunde konnte man die katholischen Familien in den Städten an einer Hand abzählen, und bis zum 19. Jahrhundert tauchen immer wieder dieselben Namen auf. Man findet sie alle im Kirchenbuch von Stockkämpen.

Ehepartner waren also Mangelware, zumindest, wenn sie auch katholisch sein sollten. Das führte dann auch dazu, dass die Zahl der "Mischehen" immer weiter zunahm. Viele Ehepartner werden dann als "acath." ("acatholicus" bzw. "acatholica") oder als "luth." im Kirchenbuch erwähnt. Phasenweise kommt in fast jedem zweiten Eintrag ein "acath." vor, auch bei den Taufpaten der Kinder.

Die katholische Kirche mischte sich dann auch in die Eheschließung selbst ein: Wo sollte man sich trauen lassen, in Stockkämpen oder in der protestantischen Kirche? Überflüssig zu sagen, dass die katholische Kirche natürlich die erste Variante vorzog...

In den 1860ern und -70ern zum Beispiel findet man zahlreiche Belege dafür. Die Trauungen sind zwar im katholischen Kirchenbuch eingetragen, aber ohne laufende Nummer. Stattdessen gibt es eine mehr oder wenige nette Bemerkung dazu:

"haben sich in Werther vom Prediger trauen lassen" 
 klingt ja noch neutral (aber ist "Prediger" eigentlich als Abwertung gegenüber "Pfarrer" gemeint?).

"haben sich trotz wiederholter Ermahnung von dem prot. Prediger zu Werther trauen lassen" 
klingt da schon um einiges brachialer. Man hat es augenscheinlich nicht bei einer "Ermahnung" belassen, zumindest nicht 1869 bei Johann Hermann Thoele (die Familie diente traditionell auf Brinke) und Henriette Dorothea Heermann (einer "acath." aus Rotenhagen).

Manchmal waren natürlich auch die - ortsabwesenden - protestantischen Schwiegereltern schuld, wenn sich die Schäfchen nicht in Stockkämpen, sondern in der protestantischen Ortskirche trauen ließen: Als Heinrich Carl Friedrich Apel, seines Zeichens Kutscher auf Steinhausen mit Eltern in Göttingen und ausdrücklich als "Protestant" bezeichnet) und Catharine Friederike Castrup aus Werther (ja, sie war katholisch) im Mai 1867 heiraten wollten, bekamen auch die Göttinger Schwiegereltern im Kirchenbuch von Stockkämpen ihren Platz: "haben sich durch die protestantischen Eltern genöthigt, trotz all diesseitiger Ermahnung, von dem protestantischen Prediger in Halle trauen lassen." 

Vielleicht haben sie ja auch einfach nur die protestantischen Eltern vorgeschoben, um endlich ihre Ruhe zu haben? Wer weiß...?

Montag, 30. Juni 2014

Termine im Juli 2014

Am 02.07.14 hält der Genealogische AK des NHV-Lippe einen "Allgemeinen Gedankenaustausch" ab. Außerdem gibt es einen Kurzvortrag von Wolfgang Bechtel zur "Hochzeit und Übergabe eines meierstättischen Hofes Lemgos 1747". (Staatsarchiv Detmold, Willi-Hofmann-Str. 2, Detmold, 20.00 Uhr)

Die Herforder OSFA-Gruppe trifft sich wieder am 05.07.14 in der Gaststätte Cassing, Bünder Str. 2 in Enger. Um 14.00 Uhr startet ein genealogischer Austauschnachmittag mit dem Schwerpunkt "Familienforscher für Einsteiger"

Am 10.07.14 trifft sich um 19.00 Uhr der Genealogische Stammtisch Paderborn im Haxterhof, Hxterhöhe 2, Paderborn.
 
Der Arbeitskreis Genealogie Steinhagen trifft sich wieder am Samstag, dem 12.07.14, um 14.00 Uhr im Quellental. Wer Menschen aus Steinhagen, Amshausen oder Brockhagen im Stammbaum hat, der ist hier richtig!

Zur selben Zeit könnte man auch die Veranstaltung der OSFA-Gruppe Osnabrück besuchen. Im Gasthof Kolpinghaus in Georgsmarienhütte, Hindenburgstr. 8, gibt es eine Zusammenstellung einiger früher privater Schmalfilme aus dem Osnabrücker Raum: "Stadt und Land Osnabrück - 1866 bis 1946, eine Filmchronik"

Sonntag, 22. Juni 2014

Personenstandsbücher: Wenn die Nachbarn zum Standesamt gingen

Personenstandsbücher sind interessant, keine Frage. Sie können uns aber über die bloßen Geburtstags-, Heirats- und Sterbedaten hinaus noch einige Informationen liefern, die uns helfen, ein vollständigeres Bild vom Leben (und auch Sterben) unserer Vorfahren zu bekommen. 

Ich stolpere beim Durchgucken immer mal wieder auch über denjenigen, der den Personenstandsfall anzeigte. Wenn es kein Verwandter war, dann bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachbar der trauernden Familie die Mühe abnahm, zum Standesamt zu gehen und dafür zu sorgen, dass die Bürokratie (die es auch in den "guten alten Zeiten" schon gab und von der wir als Forscher heute noch profitieren) angemessen mit den notwendigen Informationen versorgt wurde. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, oder?

Wir lernen dabei aber nicht nur etwas über das soziale Umfeld unserer Familie. Manchmal haben wir auch Glück und finden Fälle, in denen unsere eigenen Verwandten die Anzeigenden waren. Es lohnt sich also, sich ausführlicher mit den Personenstandsbüchern zu befassen. Ich bin schon auf ein paar Urkunden gestoßen, in denen jeweils einer meiner Urgroßväter derjenige war, der den Weg zum Standesamt gemacht hat. Damit kann ich sagen, was er an einem bestimmten Tag getan hat. 

Das mag zwar nur eine Kleinigkeit sein, aber immerhin eine, die mir hilft, das Umfeld, in dem sich meine Familie bewegte, besser zu bestimmen.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Die Bielefelder Siedlungsnamen

Ich habe gerade den folgenden Veranstaltungshinweis auf Facebook gefunden:

Am Donnerstag, 5. Juni, trägt Dr. Birgit Meineke um 19 Uhr unter dem Titel „Alte Siedlungsnamen in Bylanuelde. Bielefeld und seine Dörfer“ ihre Erkenntnisse über die Entwicklung und Deutung der Ortsnamen im Stadtgebiet vor. Veranstaltungsort ist das Stadtarchiv Bielefeld, Kavalleriestraße 17, Vortragssaal SO2, 2. Obergeschoss. Der Eintritt ist frei.
Was bedeutet „Bielefeld“, wie sind zum Beispiel „Brake“, „Heepen“ und „Senne“ zu deuten - und was hat es mit „Deppendorf“ auf sich? Die Germanistin und Historikerin Dr. Birgit Meineke hat 2013 das umfangreiche Werk „Ortsnamen der Stadt Bielefeld“ vorgelegt, das als Band 5 der Reihe „Westfälisches Ortsnamenbuch“ erschienen ist (das Buch kann am Vortragsabend käuflich erworben werden). Durch weitere Studien unter anderem zu Herford und Lippe gilt sie als ausgewiesene Expertin auf dem Feld der wissenschaftlichen Onomastik (Namenforschung).
Von der zeitlichen Dimension ist es vielleicht etwas weiter gefasst, als unsere eigentliche Forschung reicht, aber für alle diejenigen, die einen Ortsnamen als Familiennamen im Stammbaum haben, kann es ja doch interessant werden...




Dienstag, 27. Mai 2014

Termine im Juni 2014

04.06.2014, 20.00 Uhr
Landesarchiv Detmold
Vortrag von Dr. Thomas Brakmann, Leiter des Personenstandsarchivs, über die dortigen Standesamtsunterlagen
Landesarchiv Detmold, Willi-Hofmann-Str. 2, Detmold
(bitte pünktlich sein, sonst kann es sein, dass Sie vor verschlossenen Türen stehen) 

07.06.2014, 14.00 Uhr
OSFA Arbeitsgruppe Familienforschung Kreis Herford
Genealogischer Austauschnachmittag mit Schwerpunkt Enger
Gaststätte Cassing, Bünder Str. 2, Enger


10.06.2014, 19.30 Uhr
Historischer Verein für die Grafschaft Ravensberg e.V.
Arbeitsgemeinschaft für Genealogie
Manfred Willeke: "Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bad Pyrmont" 
Stadtarchiv Bielefeld, Veranstaltungssaal S02, Kavalleriestr. 17,  Bielefeld


14.06.2014, 14.00 Uhr
Arbeitskreis Familienforschung Osnabrück e.V.
Dr. Rainer Drewes: "Literarischer Spaziergang durch Osnabrück" 
Treffpunkt: Getrudenkirche, Senator-Wagner-Weg, Osnabrück

Freitag, 9. Mai 2014

Die "Judenkirche" in Werther

Meinen direkten Vorfahren Henrich Wilhelm Pott genannt Törner (1760-1825) und Elisabeth geb. Esdar (1775-1845) gehörte früher das Grundstück Werther Nr. 21, gelegen an der jetzigen Ravensberger Straße zwischen der Adler-Apotheke und dem heutigen Bankvereinsgebäude. Ich bin mir nicht sicher, ob das Haus, das heute dort steht, noch dasselbe ist wie das, das sich auch schon Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Familie Törner dort wohnte, auf der Stätte befand. Sogar in einem kleinen Städtchen wie Werther hat sich eben vieles verändert in den letzten 200 Jahren.

Das Besondere an diesem Grundstück ist, dass sich hinter dem Haus früher die Wertheraner Synagoge befand (nur nebenbei erwähnt: Die Törners waren evangelisch).

Entsprechend habe ich in der Grundakte, die im Landesarchiv NRW in Detmold liegt und sich als richtig dicker und nur mittelgradig verstaubter Schinken mit 300 Blättern herausgestellt hat, die folgende Versicherungsbescheinigung gefunden:

Die Gebäude des Bürgers Törner, olim Dröge oder Pott, stehen im Städtischen FeuersocietatsCataster wie folgt versichert, nemlich
Wohnhaus - 900 Rth
Judenkirche - 150 Rth
Scheune - 50 Rth
Summa 1100 Rth 
welches hiermit attestiert wird
Werther den 26 Mai 1819
der Bürgermeister Schreiber 

Das Wort "Judenkirche" fällt einem doch unangenehm auf. Man findet in der Akte aber ab und an auch mal das Wort "Sinagoge", immerhin. Ich weiß nun nicht, ob Bürgermeister Schreiber sich hier bewusst herablassend äußern wollte oder ob er einfach stumpf davon ausgegangen ist, dass jedes Gotteshaus, egal welcher Religionsausübung es diente, automatisch eine Kirche sein musste...


Donnerstag, 1. Mai 2014

Der kleine Unterschied - Sütterlin und Kurrentschrift

Wissen Sie, was mich wahnsinnig macht? Die Tatsache, dass mir viele Leute erklären, dass sie ja gerne nach ihrer eigenen Familie forschen würden, wenn sie denn nur Sütterlin lesen könnten.

Dumm nur, dass man mit Sütterlin auch nicht viel weiter kommt, weil sie im Grunde nur eine Generation lang geschrieben wurde: Ab 1915 wurde sie in Preußen eingeführt, und 1941 schon wieder verboten. Danach kam die "Deutsche Normalschrift".

Die Schrift, die man am allermeisten braucht, ist deshalb die Kurrentschrift, die Vorläuferin der Sütterlinschrift. Die beiden sind sich zwar ähnlich, trotzdem gibt es einige Unterschiede: Sütterlin wird gerade geschrieben, Kurrent eher schräg. Ich persönlich finde Kurrent auch einfacher, weil es nicht ganz so verspielt und verschnörkelt ist. Bei Sütterlin habe ich immer eher das Gefühl, dass man es malen muss, anstatt es tatsächlich zu schreiben.

Die gute Nachricht ist, dass man es im Zweifel aber gar nicht schreiben können muss, sondern "nur" lesen. Glauben Sie mir, das ist eine unheimlich große Erleichterung.


Abgesehen davon, dass ich auch keine Ahnung von den alten Schriften hatte, als ich mit meiner Forschung angefangen habe: Die Reise ist das Ziel. Man muss sich eben die Zeit nehmen, sich hineinzulesen, auch wenn es vielleicht eine Weile, vielleicht auch ein paar Jahre, dauert. Wenn ich meine Aufzeichnungen aus den Anfängen meiner Forschungen durchgucke, dann habe ich damals teilweise auch ziemlich große Lücken gehabt, weil ich manche Sachen einfach nicht lesen konnte. Was einem dabei entgeht, merkt man eben erst hinterher.

Kann ich deshalb alles lesen? Nein! Definitiv nicht. Genauso, wie ich heute bei manchen Handschriften echte Probleme habe. Es gibt immer Leute, die so mikroskopisch klein schreiben, dass einem auch eine Lupe nicht mehr weiter hilft. Wenn manche Worte unter Tintenflecken begraben sind, kann ich auch nichts machen (heute hat man das Problem eher mit Kaffee). Und wer eine Sauklaue hat, der hat eben eine Sauklaue, egal in welcher Schrift er sie auslebt...